Ich habe in den letzten Monaten des Öfteren über diese Redensart „Er/Sie lebt in geordneten Verhältnissen.“ nachgedacht. Was bedeutet das eigentlich genau? Beinhaltet dies, dass die Fernbedienung des Fernsehers im rechten Winkel neben der Fernsehzeitung auf dem gekachelten Couchtisch zu liegen hat – oder, oh, sorry, legt man sie sobald der Fernsehapparat ausgeschaltet ist, direkt zum Fernseher, damit man sie später auch sofort, ohne jegliche Mühen, wiederfindet? Ich oute mich: In einem früheren Leben habe ich sie zum Fernseher (Durchschnittsgerät, moderne Technik, nicht zu groß, nicht zu klein, nicht übergroß wie es heute üblich zu sein scheint) gelegt; andere Familienmitgliedern bevorzugten Ablageplätze in Sofaritzen, unter dem (nicht gekachelten) Couchtisch oder an anderen Orten der Wohnung. Ich lebte in „geordneten Verhältnissen“: Verheiratet, zwei Kinder (ein Sohn, eine Tochter, also vorbildliche Bilderbuchfamilie), 1 Hund, 1 Haus mit Garten, 2 Autos, die Generation 70+ (2x) nicht weit entfernt. Das versteht man doch wohl hinlänglich unter „geordnete Verhältnisse“, oder? 

Und heute? Meine persönliche Lebenssituation hat sich dramatisch verändert. Ich führe ein Leben ohne Fernseher, ohne Couchtisch, kein Auto, kein Garten. „Keinen Fernseher zu haben, ist heutzutage aber wirklich sehr ungewöhnlich!“, sagte mir Jemand vor einigen Monaten. Jemand, der, wie ich mit eigenen Augen sehen konnte, einen Flachbildmonitor im Wohnzimmer des Reihenmittelhauses hängen hat (Man hängt die Technik heute an die Wand! Und ich merke schon, wie falsch ich Jahrzehnte lang gelebt habe! Unser Fernseher war tagsüber bzw. bei Nichtbenutzung hinter den Türen eines selbst aufgearbeiteten Weichholzschrankes verborgen. Wie oft fragten Gäste, die das erste Mal auf den Canapées unseres Wohnzimmers saßen, ob wir denn gar keinen Fernseher besäßen. Wie gut, dass sich dies schnell aufklären ließ: Einmal lachend die Schranktüren geöffnet und sichergestellt, dass wir auch wirklich in geordneten Verhältnissen lebten. 

Individualität und Lebensphasen

Damit kann ich heute nicht mehr punkten. Wir halten fest: Die Frau besitzt keinen Fernseher und nutzt nicht mal ihren Laptop, externen Monitor oder Mobiltelefon zum Ansehen der 1000 Programme, die uns – theoretisch – zur Verfügung gestellt werden. Auf Stereoanlagen mit meterhohen Boxen gehe ich jetzt mal nicht näher ein, ich versichere jedoch, dass ich in einem früheren Leben dergleichen zu meinem Eigentum zählen konnte. Heute besitze ich einen Hochleistungs-Lautsprecher-Cube im Miniformat – den, man ahnt es, nur sehr, sehr selten nutze.

Die Frau besitzt auch kein Auto. Jetzt ist es raus! Als Selbstständige wird es Einem damit augenscheinlich so schlecht gehen, dass man sich nicht mal mehr ein Auto leisten kann. Ich kann mich glücklich schätzen, aktuell in einer Stadt zu leben, in der Einsatz eines Fahrrades – in Münster Leeze genannt – nicht nur in der Freizeit oder bei Studenten toleriert wird, gar zum guten Ton gehört. Man sieht hier Menschen mit dunklen Anzügen, weißen Hemden und Krawatten oder im feinen Businessdress mit klassischen Pumps und Trenchcoat auf dem Fahrrad. Ich bin dankbar: Ich besitze klassische Business-Garderobe, geschlossene Lederschuhe in gedeckten Farben mit seriöser Absatzhöhe und ein gepflegtes Fahrrad (allerdings ohne Hilfsmotor wie es heute modern ist und meinem fortgeschrittenem Alter angemessen wäre). 

Der Zustand meiner Privatgemächer liegt Tagesform- und Arbeitspensum bedingt auf einer Skala von Null bis Zehn – wobei Null eine Vollkatastrophe, der Behausung eines pathologischen Messies vergleichbar, darstellen würde und Zehn zum Verzehr von frisch zubereiteten Speisen vom polierten Vollholzparkett einladen würde – schwankend im oberen Bereich der Skala anzusiedeln. Lebe ich damit noch in geordneten Verhältnissen? 

Im Winter hatte ich in meiner „alten Heimat“ eine große Wohnung mit diversen voll eingerichteten Zimmern aufgelöst, um nach gründlicher Reduzierung auf das Notwendige zu reduzieren. Ich darf anmerken, dass mein Hab & Gut – trotz größtmöglicher Planung in dieser Lebensphase – durch nicht durch mich zu verantwortende technische Pannen des vollbeladenen Miet-Umzugswagens in einer spontanen „Nacht- und Nebel-Aktion“ umgeladen und auf verschiedene Lagerorte verteilt wurde. Insofern befinden sich meine Bücherkisten und Ordner mit gesammeltem „ausgelagerten Fachwissen“ Hunderte von Kilometern von mir entfernt. Und dann kam Corona. Muss ich mehr sagen?

Ich frage mich, darf ich von mir als eine in geordneten Verhältnissen Lebende sprechen? Und was ist mit Ihnen?

  • Kann man Familien mit Kleinkindern zu recht als „geordnete Verhältnisse“ ansehen? Falls Sie keine Kinder haben sollten und/oder mit dem Alltag von Familien mit Kindern nicht (mehr) allzu vertraut sein sollten: Ich könnte Ihnen da Sachen erzählen! Von Spielzeug, das auf Fußböden verteilt ist, von Eltern, die alles, was vor den „lieben Kleinen“ in Sicherheit gebracht werden soll, in mindestens 1,80 m Höhe ablegen, von Reitstiefeln, miefenden Turnschuhen, Brotdosen, die Wochenenden oder Ferienzeiten zum Heranreifen nutzen… Geordnete Verhältnisse. 
  • Sind Berufstätige, alleinlebend oder „Doppelverdiener“, die ihre Blumenkästen nicht ausreichend gießen, den Rasen zu lang wachsen lassen oder gar Unkraut im Garten zu züchten scheinen, eigentlich der Schublade „geordnete Verhältnisse“ zuzuordnen? 
  • Sind Top-Manager mit repräsentativem Anwesen, Sportwagen, Golfclubmitgliedschaft, Ehrenämtern, mit Ehegattin, Kindern auf Vorzeigeschulen, und (einer oder mehreren) Geliebten eigentlich „geordnete Verhältnisse“, wenn sie im Privaten die Aufrechterhaltung der geschätzten Ordnung und im Geschäftsleben die Sortierung der Belege für die Spesenabrechnung an Andere delegieren?
  • Welchen Einfluss haben chronologisch oder alphabetisch sortierte Belege und Versicherungspolicen auf das Prädikat „besonders geordnete Verhältnisse“?
  • Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie sich interkulturelle Unterschiede auswirken mögen… 
  • … oder darüber, was passiert, wenn unterschiedliche Persönlichkeitstypen aufeinandertreffen. Wo, der eine noch mit Glasreiniger und Staubmop durch Wohn- oder Arbeitsraum feudelt, während der Andere womöglich (schon) die Füße hochlegt oder gar zu Fernbedienung greift. 

Jetzt mag Sie mein Text vielleicht amüsiert haben, vielleicht fragen Sie sich, welche Relevanz er haben kann. Mit wem würden Sie gern Ihre Zeit in Berufs- und Privatleben verbringen? Wieviel Einfluss haben „geordnete Verhältnisse“ auf Ihre Entscheidungen und Ihr persönliches Glück? Haben Sie schon mal erlebt, dass Ihr Gegenüber, also z. B. der Personalentscheider für die von Ihnen anvisierte neue Stelle oder der Vermieter der Traumwohnung so seltsam auf Sie wirkte und für Sie nicht nachvollziehbare Entscheidungen traf? Schreiben Sie mir gern an info@ina-reisel.de – ich bin gespannt. 

Demnächst können Sie auf meiner Website konkrete Anregungen zu mehr Struktur in Ihrem Privat- und Arbeitsleben finden. Und Anregungen für ein individuell glücklich(er)es Leben.