Wir können „Glück“ oder Glücksgefühle nicht erzwingen, erst recht nicht festhalten. Leider. Wobei sich die Frage stellt, ob es erstrebenswert wäre, könnten wir es.

Wie lange hält das Glücksgefühl an, wenn man im Sport, im Beruf, als Künstler grandiose Erfolge erzielt hat? Tage, Wochen, Monate, Jahre? 24/7?

Wie lange tragen uns rosarote Zuckerwattewolken im 7. Himmel? Selbst in der glücklichsten Zeit großer Verliebtheit wird man nicht in jedem Augenblick auf gleichbleibend hohem Level individuellen Glücksempfindens bleiben (können). 

 

Glück oder nicht. Eine Frage der Hirnaktivität und biochemischen Prozesse

Manchmal liest man von „Glückshormonen“, die in unserem Körper produziert und ausgeschüttet werden. Gemeint sind offenbar körpereigene Opiodide wie Endorphine – einem Cocktail der Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Oxytocin. Für Fachleute, Biochemiker und Neurobiologen z. B., in unterschiedlichen Konzentrationen nachweisbar, doch auch für jeden von uns im Fall der Fälle spürbar, sofern wir uns nicht in einem Depressionszustand befinden. Dies sei einmal betont: Es ist nicht eine einfache Laune oder Divenhaftigkeit, wenn der Tag aus einer Aneinanderreihung trostloser, trister Momente und Stunden besteht oder zu bestehen scheint. Laboruntersuchungen zeigen auf, dass da dann einfach nichts oder nicht in ausreichender Menge vorhanden ist, was für Glücksempfinden sorgen könnte. „Nun sei doch mal glücklich!“, wohlwollend und empathisch mitgeteilt oder als Vorwurf jemandem um die Ohren gehauen, geht aus diesem Grund völlig ins Leere. Jeder, der jemals depressive Verstimmungen bis ausgewachsene Depressionen unterschiedlichen Schweregrades erlebt oder sich durch die Begleitung in Privat- oder Berufsleben damit einmal näher beschäftigt hat, wird es nachvollziehen können. Und für alle anderen kann es lohnenswert sein, dies im Umgang mit sich selbst oder seinem Umfeld zu beherzigen. Im Buchhandel wie im Internet gibt es für jeden Bildungshorizont passende Literatur: zum Glück, zur Funktionsweise von Hirn und Körper, über Krankheitsbilder, die nicht „nur eingebildet“ sind.

Zurück zum Glück. Zum Glück können wir selbst jede Menge zu unserem eigenen Glück beitragen. Wir können für kleine Glücksmomente sorgen, die einen deutlichen, nach oben gerichteten Ausschlag auf unserer durch Elektroenzephalographie (EEG) tatsächlich gemessenen Hirnstromkurve oder auf unserem subjektiv wahrgenommenen „inneren Glückskompass“ ausmachen.

 

Materielles

Materiellem Glück wie die Anschaffung von kleinen Vintage-Accessoires oder teuren, raren, besonders begehrten Gegenständen sowie die Befriedigung sexueller Bedürfnisse weisen Wissenschaftler eine geringere Bedeutung zu als Zufriedenheit. Doch deswegen darauf verzichten? Nein. NEIN. NEIN, NEIN, NEIN!, meine ich. Auch das „Belohnungssystem“ in unserem Hirn will schließlich beschäftigt sein, auch wenn es irgendwann nach „MEHR!!!“ ruft. Im beruflichen Kontext wissen u. a. Führungskräfte und Unternehmer mit Blick auf betriebliche Anreiz- und Belohnungssysteme ein Lied über Freud & Leid zu singen. Zur intrinsischen Motivation, die im engen Zusammenhang damit steht,  könnte ich Einiges schreiben, doch dann würde es lang werden, also hebe ich mir dies für einen separaten Beitrag auf.

 

Ein Bild von einer Tasche

Ich habe mir kürzlich auf einem Trödelmarkt die oben abgebildete Handtasche – Clutch, wie man sie wohl nennt – gekauft. Erblickt, und sofort schockverliebt gewesen. Retro. Vintage. Second Hand. Vom Flohmarkt. Altmodisch. Scheußlich gar? Überflüssig? NEIN, meine Begeisterung und mein Glückgefühl halten an. Inzwischen weiß ich sogar von meinem nahen Umfeld, dass deren Familienangehörige als elegante Karrierefrau eben solches Modell in der Farbe Beige Anfang der 1970er Jahre in Mailand spazieren trug. HALLO! Mailand! Okay, es ist schon eine Weile her – und sie war in beige. Aber rot passt sowieso viel besser zu mir. Die heutige Zeit ebenso. In den „wilden 1970ern war ich noch viel zu jung – für wilde Zeiten und für Clutches. Teuer war dieses kleine Prachtexemplar vielleicht zu früheren Zeiten, oder auch nicht, doch glücklich machend ist es noch heute! Und wie! Voller Freude über meinen „raren, besonders begehrten Gegenstand“ führe ich ihn vor und aus. „Seht nur, nicht mal einen schmückenden Armreif bedarf es, wenn ich sie lässig in der Hand halte oder unter dem Arm geklemmt trage!“, rufe ich entzückt! Mein Umfeld schmunzelt. Teils ist es aufrichtiges Mitfreuen, teils amüsiert es mein Gegenüber, teils ist es erneute Bestätigung, dass ich seit je her über einen „besonderen“ Geschmack verfüge. Wenn Sie wüssten, wofür ich mich im Leben aufrichtig begeistern konnte – und kann…!

Zufriedenheit

Zufriedenheit ist die nächste Stufe des Glücks. Es hält länger an und aktiviert andere Hirnareale: Regionen der Hirnrinde. Soziale Anerkennung wie Freundschaften oder Anerkennung für Leistung gehören dazu. Lob, sofern es aufrichtig ausgesprochen wird, und Vertrauen(svorschuss) sind nicht neue, dennoch nicht zu unterschätzende Stichworte für Führungspersönlichkeiten oder solche, die es werden wollen! Leben im Einklang mit sich selbst, mit seinen Werten sorgt für Zufriedenheit. Nichts ändern zu wollen, an den Gegebenheiten. By the way: Wann spüren Sie tiefgründige Zufriedenheit? Und woran erkennen Sie, dass Sie zufrieden sind?

 

Flow

Und schließlich: Flow! What’s that?: Totale Versenkung in eine Tätigkeit und höchste Konzentration sind Ergebnis und Symptom. Alles um sich herum vergessen: Zeit und Raum nebensächlich. Kinder machen es uns oft vor, wenn sie spielen – oder besser gesagt, wenn sie arbeiten, indem sie die Welt erkunden und entdecken. Und wir Erwachsenen? Wem gelingt es? Wie genau? Worum es sich dabei handelt, ist am besten bei dem renommierten Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi („Flow – der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie“) nachzulesen. Er ist derjenige, der dies an die breite Öffentlichkeit getragen hat, doch nicht wirklich der originäre Entdecker, gab es doch schon eher im Zuge der „Spieltheorie“ wissenschaftliche Erkenntnisse dazu. Tiefgehende Fragen zu seinem Metier umfassend und wissenschaftlich belegt zu beantworten, dürfte für ihn jedenfalls Teil seines Flows sein, während ich in allen Ecken meines Hirns und andernorts nach fachlich korrektem Vokabular suchen müsste. In anderen Wissens- und Lebensbereichen sprudelt es allerdings auch bei mir. Immer dann, wenn ich mich voller Freude zu inzwischen liebgewonnenen Themengebieten äußern kann, die Teil meiner Gewohnheiten sind und sich zu Automatismen manifestiert haben. Faktenwissen und Erfahrungen, in kurzen oder langen Geschichten verpackt, eher plaudernd als belehrend vermittelt, z. B…

 

Ich schätze, der individuelle Mix aus den Dingen des kleinen Glücks oder den kleinen Dingen des großen Glücks macht in unterschiedlichen Lebensphasen unser Glück aus. Ich befinde mich in einer Lebensphase, in der mich mein berufliches Wirken, privates Tun und Unterlassen und schnöde Sächelchen glücklich machen. Wenn es so bleibt, ist es gut – wenn es noch besser kommen soll: ICH BIN BEREIT! 😉