Seit Jahrzehnten besitze ich einen großen, schweren Silberring mit einem aquamarinfarbenen Stein. Mir wurde gesagt, es sei ein echter Aquamarin. Ich bin mir nicht sicher, zumal Aquamarine und Blautopasse auch von Profis nicht immer sofort sicher unterschieden werden können. Allein auf die Wirkung als Heilstein zu vertrauen, von deren Wirkung Viele überzeugt sind, Andere für Humbug halten, ist für mich auch keine Option.

Geschmacks-, Typ- und Modefragen

Zu der Zeit als ich ihn geschenkt bekam, entsprach er so gar nicht meinen Vorstellungen als 13-, 14- jährige Pubertierende. Allein die zwischenmenschliche Verbindung zur Schenkenden ließ ihn mich sorgsam hüten, und vielleicht, das mag ich nicht gänzlich ausschließen, tatsächlich auch der mir bedeutungsschwanger mitgeteilte hohe materielle Wert. Mir wurde versichert, dass es sich dabei um einen wertvollen Echtschmuck-Ring handele. Ich verwahrte diesen seinerzeit viel zu großen, für meinen Geschmack klotzigen und viel zu auffälligen Ring viele Jahre sorgfältig. In meinen Zwanzigern kam er schließlich zu neuen Ehren und wurde zu einem meiner ständigen Begleiter. Nun passte er zumindest auf den Mittelfinger und wenn ich gut acht gab, rutschte er auch nicht sofort vom Ringfinger (Tipps zur Abhilfe bei zu großen oder zu kleinen Ringen habe ich inzwischen – seinerzeit jedoch nicht.). Heute mit großem zeitlichen Abstand und zurückliegenden Jahren, in denen er nicht ans Tageslicht kam, trage ich ihn wieder sehr gern. Verbunden damit sind unterschiedlichste Erinnerungen und angenehme Gefühle.

Familien- und Weltgeschichte(n) über Jahrzehnte

Der Ring stammt von Gerti einer früheren Nachbarin, Jahrgang 1929, die zu Zeiten meines Grundschulalters zusammen mit ihrem Mann Gerd neben uns wohnte. Sie zählten über viele Jahre zu den wenigen, aber engsten Freunden meiner Eltern. Wenige Monate, nachdem wir unsere Wohnung in gemeinsamem Mietshaus aufgegeben und in die Stadt gezogen waren, wurden sie erneut unsere Nachbarn – zwei Häuser entfernt zogen sie ein. Fast täglich waren sie bei Kaffee und Zigarettenqualm sowie politischen Diskussionen bei uns. Gerti war eine ehemalige Sekretärin, kinderlos, und zweifelsohne immer auf ihr Aussehen bedacht. Ihr Ehemann Gerd, in zweiter Ehe verheiratet, hatte längst erwachsene Kinder, die ich nie kennenlernte. Gerd und Gerti waren wohl einigermaßen wohl situiert, und konnten sich Annehmlichkeiten leisten, die für mich ein kleines Paradies darstellten. So denke ich an „den neuesten Schrei“ der 1970er und 80er Jahre in Sachen Mode oder Wohnungseinrichtung, an eine Reise, bei der das Reisebüro „Washington/Columbia“ und „Washington D. C.“ verwechselte, oder an den goldfarbenen, top-gepflegten Garagenwagen Opel Manta. Bei ihnen gab es Lava- und bunte Glasfaserlampen – und ein orangefarbenes Drehscheibentelefon, von dem Gerd regelmäßig zu scherzen pflegte, es handele sich dabei um „DAS rote Telefon“, „DER direkte Draht zwischen Ost und West“. Ich verstand nichts davon, wir hatten zu der Zeit auch kein Telefon. Erst später: Grün. Ganz, ganz modern. Im Zuge des 3. Oktober als Gedenk- und Feiertag der deutsch-deutschen Geschichte und den aktuellen Entwicklungen der großen Weltpolitik, fiel mir dieses rote, nein, Gerds oranges Telefon wieder ein. Als heißer Draht zwischen West und Ost war dies im übrigen niemals ein rotes Telefon, sondern bestand vielmehr eine ständige Fernschreiber-Verbindung zwischen Sowjetunion und USA während des Kalten Krieges. Die Machthabenden auf beiden Seiten konnten also durchaus nicht mal eben so zum Telefonhörer greifen, wie Gerd lachend daratellte, doch das wäre vielleicht noch mal eine Geschichte für die nach mir geborenen Generationen.

Erinnerungen – Nur Schall & Rauch?

Manchmal empfinde ich es als spannend und lohnenswert, zu verfolgen, wohin die Gedanken springen, wenn wir es zulassen, und uns in einem entspannten mentalen Zustand befinden, der dies ermöglicht. Diesen Zustand in unserer schnell lebigen Zeit zu erleben und zu gestatten, vor allem überhaupt erreichen zu können, könnte ebenfalls eine Geschichte für sich sein.

Vielleicht nicht ganz von ungefähr fiel mir auch wieder aus gleicher Zeit eine Ausgabe des Stern-Magazins ein, in der eine Sonderbeilage in Form von Papier-Anziehpuppen enthalten war. Meine jüngere Schwester und ich freuten uns darüber, dass Ronald und Nancy Reagan als Spielfiguren in Unterwäsche und mit unterschiedlichen Kleidungsstücken herausgetrennt und für Rollenspiele verwendet werden konnten. So wurde das politische Magazin auch für uns Kinder interessant. Dass sich die Erwachsenen bei Kaffee und angeregten Diskussionen darüber weniger freuten als lachten und spotteten, und sich dazu äußerten, dass ein Schauspieler solch‘ wichtiges Amt bekleidete, nahm ich wohl wahr, vermochte es jedoch nicht wirklich einzuschätzen.

Schmückendes, Verlorenes, Geschenke

Zurück zum Ring. In meinen Zwanzigern trug ich also sehr häufig diesen auffälligen Silberring mit Aquamarin farbenen, also hellblauem, transparenten Stein. Meine Familie schenkte mir später ähnlich gestalteten Modeschmuck: ein Collier sowie ein Paar quadratische Ohrstecker. Einen dieser Ohrstecker verlor ich Jahre später, und mein gesamtes Schmuck-Ensemble dieser Reihe landete wieder für längere Zeit in meiner Schmuck-Schatulle.

In den letzten Jahren habe ich mich aus verschiedenen Gründen von fast all meinem Schmuck der vergangenen Jahrzehnte getrennt. Obige Stücke zählen nicht dazu. Obwohl sich die Mode dahingehend gewandelt hat, dass man heute Echt- und Modeschmuck, Silber, Gold und Rosé kombiniert, Ohrringe paarweise oder einzeln tragen kann, dies vielmehr als jung und zeitgemäß wahrgenommen wird, mag ich besagten Ohrring komischerweise einfach nicht alleine tragen. Inzwischen habe ich eine für mich passende Quelle für ansprechenden Echtschmuck (925er Sterling Silber) gefunden, wo ich mir, wenngleich kein vom Design identischen Ersatz, doch eine ansprechende Ergänzung ausgesucht habe. Hier geht’s zum Shop des Markenanbieters auf einen anderen Website.

Ich bin tatsächlich ein wenig gespannt, welche Erinnerungen und Bilder vor meinem geistigen Auge künftig noch auftauchen werden, wannimmer ich Gertis Ring und das Schmuck-Ensemble meiner Familie tragen werde.

Angenehme Erinnerungen, tiefsinnige Gedanken und Fragen

🧭 Wie mag Gerti, die so gerne Anekdoten aus ihrem Berufsleben als Sekretärin in Berlin zum besten gab, wohl tatsächlich als Sekretärin gewesen sein? Was hätte sie zu meinem Berufsweg, der ebenfalls mit Stenografie- und Schreibmaschinen-Unterricht begann, und doch so anders als ihrer war, gesagt? Und hätte sie sich Kosmetik- und Schmuck-Networks angeschlossen, um immer an der Quelle und den neuesten Trends einen Schritt voraus zu sein? Was gab es in ihrer Zeit eigentlich an Möglichkeiten?
🧭 Wie hatte sich Gerd, der meiner Erinnerung nach 1924 geboren worden war, und in West-Berlin als Polizist sein gesamtes Berufsleben verbracht hatte, wohl im Einsatz und in jüngeren Jahren als Familienvater und als Privatmann verhalten? In Berlin… In politisch wiederholt schwierigen Zeiten…
🧭 Handelt es sich bei meinem Ring tatsächlich um Echtschmuck? Die Größe des Steins lässt Zweifel aufkommen. Allerdings habe ich dies nie fachmännisch klären lassen, hat der materielle Wert für mich doch geringe Bedeutung. Tatsächlich gehe ich davon aus, dass es sich einfach um gut gemachten Modeschmuck handelt (auch wenn meine inzwischen verstorbene Mutter auch immer beteuerte, dass das neben einer kostbaren Erinnerung an die langjährige Freundin ganz sicher wertvoller Schmuck sei). Ich freue mich einfach über dieses schöne Stück, und gebe mich gerne der einen oder anderen Erinnerung hin.
🧭 Hätte die lange Freundschaft noch Bestand, hätte meine Mutter nach Öffnung der innerdeutschen Grenze den Freunden ob ihres anhaltenden Gemeckers über „stinkende, knatternde Trabanten und leergekaufte Regale“ in Lebensmittelgeschäften der niedersächsischen Kleinstadt an der jetzigen sachsen-anhaltinischen Grenze nicht gehörig „den Kopf gewaschen“? Und wie prägen gelebte Kommunikation und Konfliktlösungsstrategien Familenangehörige?
🧭 Welche Menschen und Situationen bleiben uns warum n Erinnerung?

Welche Schmuckstücke oder anderen Geschenke lösen bei Ihnen welche Erinnerungen und Gefühle aus?